Von Plenterwald und Waldrefugium – Gemeinderat bei Waldbegehung


am 19.05.2022 von Barbara Rau

In den Bodenwald führten Isnys Stadtförster Johannes Merta und Marijan Gogic, der Leiter des Kreisforstamts Ravensburg, Stadträtinnen und Stadträte an einem sonnigen Freitagnachmittag. „Es spricht für Sie, dass Sie Interesse am Stadtwald zeigen“, lobte Gogic die Teilnehmer.

„Was kann es Schöneres geben, als im Bodenwald spazieren zu gehen“, scherzte Bürgermeister Rainer Magenreuter bei der Begrüßung. Da der Stadtwald sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt habe, sei es gut, dass die Waldbegehung nach zwei Jahren wieder stattfinden könne. Und obwohl der Klimawandel mit seinen Auswirkungen, insbesondere dem Borkenkäfer, das Waldgeschehen auch um Isny dominiert, war die Gruppe, die sich quer durchs Holz schlug und zu der auch die Amtsleiter Werner Sing (Kämmerei) und Frank Reubold (Hauptamt) gehörten, guter Laune. Denn Stadtförster Merta und sein Trainee Lukas Heilmeyer (Nachwuchskraft im gehobenen Forstdienst) zeigten Beispiele, wie der Waldumbau im Stadtwald schon vorangeht und wie andererseits auch für die Biodiversität Entscheidendes getan wird. Die Information über den derzeit sehr guten Holzpreis sorgte zusätzlich für zufriedene Mienen bei den Ratsmitgliedern.
Merta führte mit Zahlen in den Stadtwald ein, die demnächst im Technischen Ausschuss diskutiert werden. Eine Besonderheit des 500 Hektar großen Isnyer Stadtwalds ist, dass nicht alles arrondiert ist und teils sogar in Bayern liegt - was vielschichtige historische Gründe hat – und dass der Boden, auf dem er steht, unterschiedliche geologische Alter aufweist. Das reicht von 10.000 Jahren im Bodenwald bis 10 Mio. Jahren auf der Adelegg.

Waldumbau schreitet fort

Dass der Waldumbau fortschreitet, zeigte Merta mit dem Prozentsatz des Fichtenanteils: 1960 lag dieser bei 85 Prozent, 2022 liegt er bei 65 Prozent. Eine beachtliche Entwicklung, denn „im Vergleich zum Wald war die Titanic ein Kajak“, brachte Merta ein schönes Bild.
Die ersten, stolperigen Schritte über Brombeerranken und Totholz führten die Gruppe in ein Waldrefugium. Damit wird genauso eine Vorgabe des Bundesnaturschutzgesetzes umgesetzt, wie mit Habitatgruppen und -Bäumen. Sie sollen Lebensraum für totholzgebundene Arten schaffen und vernetzen. „Hier machen wir gar nichts mehr, wir lassen die Natur alles regeln“, erläuterte Lukas Heilmeyer im Refugium. Man habe alte Bestände und Flächen ausgewählt, die vorher schon extensiv bewirtschaftet wurden. Das Konzept sei schon vor fünf Jahren Thema ge-wesen, es wurde aber gewartet, bis eine finanzielle Gegenleistung und Ökopunkte gesichert wa-ren. Von 44 potentiell geeigneten Hektar, die über die gesamte Fläche verteilt sind, seien 25,7 Hektar groß genug und anerkannt und das ergebe über die Ökopunkte einen wirtschaftlichen Wert von 800.000 Euro für die Stadt. Merta betonte, die Hauptarbeit für die Ausweisung habe bei Alexandra Haug vom Sachbereich Natur und Umwelt gelegen. Die Flächen und die Habitat-bäume und -Gruppen sind kartiert, Fördergelder gibt es aber nur für die Refugien. Im Stadtwald werde ca. 10 Prozent Fläche nicht genutzt, und auch wenn davon nicht alles anerkannt werde, weil zu klein, überschreite man die Forderungen des Bundes damit weit. Das warf natürlich die Frage nach der Gefahr durch den Borkenkäfer auf. Totholz sei für diesen nicht geeignet und wenn ringsum keine riesigen Fichtenreinbestände seien, laufe er sich auch tot.

Naturverjüngung am sinnvollsten

Dennoch: „Der Borkenkäfer ist der Tod der Fichte“, machte Gogic klar. Weil die Fichte vom Kli-mawandel mit langen Trockenphasen am stärksten betroffen sei, sei sie anfällig. Da es in Isny noch viele Niederschläge gebe und die Region relativ hoch liege, werde sich die Fichte einige Jahrzehnte halten können. Wichtig sei aber, weiterhin mit Nachdruck Mischbaumarten wie Weißtanne, Buche und andere einzubringen und so die Fichtenanteile zu reduzieren. Und am sinnvollsten sei das über Naturverjüngung, wie es Merta vorwiegend mache. „Es dauert, aber dadurch erhält man längerfristig einen stabilen Wald und auch Ertrag“, erklärte Gogic. Großflächig auf Bäume aus anderen Ländern zu setzen, davor warnt der Forstamtsleiter, weil die Erfahrung damit fehle. Bei Douglasie oder Roteiche (Baumarten aus Nordamerika) gebe es schon ca. hundert Jahre Erfahrung, mit anderen fremdländischen Bäume könnte es ziemlich schief gehen.
Bei Waldumbau durch Naturverjüngung komme der Jagd eine entscheidende Rolle zu, betonte Merta. Die Zusammenarbeit mit Jagdgenossenschaften und Jägern scheint im Stadtwald wohl schon an vielen Stellen zu funktionieren, denn er sagte dazu „in der Hinsicht ist Isny fast ein Leuchtturm“. An der Adelegg jedoch sei die Ausgangslage durch Rot- und Rehwild und zusätz-lich Gemsen ziemlich schwierig für die Waldbesitzer. Von Gemeinderatsseite kam dazu der Hin-weis, dass der Druck durch das Freizeitverhalten sehr dazu beitrage. Zum einen erschwere es die Jagd, zum anderen treibe es das Rotwild erst recht in die Schonungen.

Plenterwald bietet Artenvielfalt

Am Ende entführte Merta die Gruppe in einen Plenterwald, den schon sein Vorgänger gehegt hatte und in die Geschichte der Waldnutzung. Die Erkenntnis, dass sich Plenterwälder, mit ihren verschiedenen Baumarten und Baumgenerationen als stabiler gegen Trockenheit und Schädlinge erweisen, sei inzwischen gereift. Auch wenn manche – auch junge - Förster gelegentlich noch die „Unordnung“ dort bemängelten, wie Merta schmunzelnd erzählte. Der Plenterwald sei ein bewirtschafteter Wald, der Artenvielfalt biete, ökologische Nischen mit ökonomischem Wald verbinde und das bei relativ geringer Pflege. Allerdings sei die Holzernte nicht ganz leicht. Man müsse bei der hier vorgenommenen Einzelentnahme von reifen Bäumen genau überlegen, wohin man fälle. Im Stadtwald greift man hier auf die eigenen Forstwirte in Kombination mit einem Forstunternehmen zurück. „Das erfordert ein gut ausgebildetes Team. Es hat sich bewährt, dass die Stadt auf qualifiziertes Personal setzt und selbst ausbildet“, sagte Merta. Als Höhepunkt fällte Forstwirt Konrad Prinz im Plenterwald präzise eine 140 Jahre alte Fichte – was die meisten Teilnehmer ziemlich beeindruckte aber auch ein wenig wehmütig machte. Auch wenn die beginnende Rotfäule zeigte, dass der Baum nicht zu früh gefällt wurde. Auch er fühle so etwas wie Ehrfurcht beim Fällen eines so alten Baumes, bekannte der Stadtförster.