Bei der Fichte merkt man jeden Höhenmeter


am 10.03.2020 von Barbara Rau

Ein Schwerpunkt beim abgesagten Isnyer Energiegipfel wäre der Wald gewesen. Stadtförster Johannes Merta erläutert für die Rundschau, welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Isnyer Stadtwald hat und wie durch Waldumbau darauf reagiert werden kann.

Dass die Stürme stärker werden und generell Schadensereignisse, ob Dürren oder Stürme in kürzeren Abständen kommen, mit größerem Ausmaß und mehr betroffenen Flächen, sieht Stadtförster Merta als deutliches Zeichen für den Klimawandel. Und was bedeutet das für den Stadtwald? „Seit März 2018 haben wir fast keinen planmäßigen Einschlag mehr, wir rennen nur noch den Kalamitäten hinterher“, sagt Merta. Trotzdem sieht er die Isnyer Wälder noch relativ gut dastehen. Hier gebe es mehr Niederschläge und ein kühleres Klima als anderswo in Deutschland, der hiesige Wald habe die Dürre erstaunlich gut weggesteckt. Dennoch sei erkennbar, dass sich der Wald verändert. Alte Fichten hätten eine schlechtere Benadelung, gelber als normalerweise, die Kronen seien durchsichtiger, die Bäume wirkten kränklich. „Wenn sich das Wetter normalisiert, könnten sie sich wieder erholen“. Nach 2003 hätten die Bäume auch sehr schlecht ausgesehen. Aber dadurch, dass Dürreereignisse in immer kürzeren Abständen zu erwarten sind, würde die Zeit zur Erholung künftig vielleicht nicht mehr reichen. Bei der Vegetation generell ist Merta aufgefallen, dass durch die längeren Vegetationszeiten die Wüchsigkeit der Bodenvegetation zugenommen hat. Die Brombeeren beispielsweise erreichen viel früher eine Dichte und Höhe, die für neugepflanzte Bäume eine Gefahr wird.

Tanne und Buche noch geeignet

„Die Wurzel allen Übels sind die gleichaltrigen Reinbestände von Fichten“, wird Stadtförster Merta deutlich. In Isny zumindest sei die Erkenntnis nicht neu, schon in den 1950er-Jahren sei bei den Einrichtungsbesprechungen (die Zehnjahrespläne werden Forsteinrichtung genannt) darüber geredet worden, von den Fichten-Reinbeständen abzukommen und auf ungleichaltrige Tannen-, Buchen-, Fichtenmischbestände zu setzen. Wenn die von den meisten Klimatologen erwartete Erwärmung eintrifft und bis 2100 mit 3,5 Grad höherer Durchschnittstemperatur als heute zu rechnen ist, „dann wird auch in Isny die Fichte bloß noch als beigemischte Baumart wachsen“. Und man werde sie nicht bis 120 Jahre ausreifen lassen können, sondern spätestens mit 80 Jahren ernten müssen. Das gilt selbst für die Adelegg, wo die Fichte bisher noch sehr stabil ist, denn „bei der Fichte merkt man jeden Höhenmeter“. Bei der erwarteten Erwärmung seien Tanne und Buche in der Region noch geeignet. Dazu werde man Bergahorn und Spitzahorn beimischen. Wo es hell genug ist, sei das jetzt schon möglich. Lärche und Douglasie werden seiner Ansicht nach gewisse Anteile haben und an Südhängen auch Flächen mit Eichen. An der Adelegg werde es dann so warm sein wie heute in Bregenz. „Von einem Kollegen im Rheintal weiß ich, dass dort jetzt schon sämtliche ein-heimische Baumarten krank sind oder ausfallen, nur die Robinie sieht noch gesund aus und das ist kein einheimischer Baum.“

Kommunalwälder haben Vorbildfunktion

Merta rechnet aber damit, dass Isny durch die Staulage im Vergleich zu anderen Regionen weiter ausreichend Niederschläge haben wird. Das ist auch notwendig, denn Baumartenumstellung braucht Jahrzehnte, gibt der Förster zu bedenken. Für den Waldumbau muss auch das Wald-Wild-Problem gelöst werden. In und um Isny habe man zum Glück selbstbewusste Jagdgenossenschaften und viele modern eingestellte Jäger, die auf das richtige Verhältnis von Wild und Wald achten. „Hier kann die verbissempfindliche Tanne auf Zweidrittel der Fläche ohne Schutz verjüngt werden, das ist ungewöhnlich gut.“ Mit der letzten Novellierung des Jagdgesetzes in Baden-Württemberg habe sich die Situation insgesamt verschlechtert, die klare Festlegung auf „Wald vor Wild“ wäre nach Ansicht des Stadtförsters unbedingt erforderlich.
Außerdem wünscht er sich, dass der Rohstoff Holz noch mehr als Baustoff genutzt wird und damit Stahl und Beton ersetzt werden. Da wo Holz gut wächst, so wie hier in der Region, wo nährstoffreiche Böden und ausreichend Niederschläge den Wald gut wachsen lassen, müsse es genutzt werden. Auch auf neue Verwendungsarten als Kohlenstoffquelle sollte man nach Ansicht des Stadtförsters setzen. „Das würde der Forstwirtschaft helfen.“ Erwerbsorientierung sei nichts Schlechtes, betont er, dann überaltere der Wald nicht. Dennoch will er keine total aufgeräumten Wälder, das sei wirtschaftlich auch nicht sinnvoll. Was nicht käferschädlich ist, sollte im Wald belassen werden, das ist für die Biodiversität günstig. Dass die Stadt Isny dabei ist, ein Alt- und Totholzkonzept zu entwickeln, findet Johannes Merta deshalb sehr gut. Gerade die öffentlichen Waldbesitzer seien hier wie überhaupt beim Thema Waldumbau besonders gefragt und gefordert. Denn nur ein artenreicher und vielgestaltiger Wald könne in Zukunft noch klimastabil sein. „Auf diesem unausweichlichen Weg kommt den Kommunal- und Staatswäldern eine wichtige Vorbildfunktion zu“ betont Merta abschließend und lobt die gute Waldgesinnung in Stadtrat und Verwaltung in Isny.