Daphne Kerber

Bildnerisches Werk: Die Zudeck, Hommage an eine Journalistin/Isny, Matratzenkruft, 2020, Bodeninstallation (Blei, Papier, Holz), 200 × 80 x 35

Literarisches Werk: Schriften Frau P.

Daphne Kerber zum Konzept und Entstehungsprozess (Auszug)

Vorausgefragt: Was ist Literatur? Wo fängt Literatur an, wo hört sie auf? Ich habe mich entschieden, diesen Begriff weit zu fassen. Bei dem Begriff Stoffwechsel kam mir gleich das Wort -Stoffsammlung in den Sinn. Dieses Wort wiederum führte mich sofort zu einer Frau, die ich schon viele Jahre mit kleinem Abstand begleite, und die in Isny wohl vielen Menschen bekannt ist.

Sie übt ihre Schreibtätigkeit, jeden Tag in der Öffentlichkeit (Café, Stadtbücherei) aus, und sie fällt hier sofort auf. Ihr „Schreibtisch“ ist besonders gestaltet. Frau P. beschriftet Zeitungsseiten und Kopien von politischer Literatur. Diese legt sie sehr sorgfältig um ihren “Schreibtisch“ herum auf dem Boden aus, auf Tisch und Stuhl. Auf mich wirken die dicht bearbeiteten Blätter von weitem wie die früheren Schnittmuster für Kleider. Dazwischen leben kleine persönliche Gegenstände, wie Teddys, Puppen oder Schokoladenfiguren.

Frau P. lud mich zu sich ein, in ihre Matratzengruft, wie sie ihr Kellerzimmer bezeichnet. Wir stiegen tief in den „Untergrund“ hinab. Es war sehr bedrückend. Ihr einziger Wohnraum war völlig ausgelegt mit Literatur aller Sparten, ebenfalls Stuhl und Bett... es gab nicht den kleinsten, freien Platz. Hier lebt jemand, schläft und wacht mit Literatur, Schrift und Wörtern. Frau P. hat alles gelesen und bearbeitetet. Sie weiß viel über Geschichte und kennt hunderte literarische Aufzeichnungen. Bewundernswert.

Alles war für mich befremdlich, nicht einschätzbar, unverständlich, vieles irritierte mich, aber sie hielt mich irgendwie fest. Darum entschloss ich mich eine Arbeit zu erstellen, die eine Wertschätzung für ihre Leistung bezeugt.

Meine Bodeninstallation ist eine Bleimatratze auf dem Boden, auf ihr liegt eine mit groben Nähten zusammengenähte Bleidecke (Bleifolie), die Decke ist gewölbt, als läge ein menschlicher Körper unter ihr. Originalschriften von Frau P. sind um die Matratze genäht, gerollte Schriften quillen wie Adern oder Nerven aus dem Körper. Es entsteht die Wirkung, als schwebe das Lager auf Sätzen und Buchstaben. Mit der Installation nehme ich Bezug auf das „Schreib-Leben“ von Frau P., ihr Leben sehe ich mit erdrückender Last beschwert. Erlebnisse, Erfahrungen, Kindheit, Familie, Verletzungen usw. sind unter eine bleierne Decke gedrängt und verrücken ihr Dasein in eine andere Ebene. Ausgestattet mit großer Intelligenz findet sie ihre eigene Ausdrucksform. Sie sendet Signale mit Wörtern, Buchstaben und winzigen Zeichnungen. Aus meiner Sicht ist dieses eine eigene schöpferische Arbeit, die durch die Rezeption in meiner künstlerischen Arbeit als Wertschätzung dieser Isnyer Bürgerin gelten soll.

Die Künstlerin

Daphne Kerber, *1953 in Bielefeld, lebt und arbeitet in Isny, Studium der Psychologie, seit 1989 freischaffend als Bildhauerin tätig, zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Belgien und Österreich.

www.daphne-kerber.de

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Zum Entstehungsprozess

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