Fauchen lohnt sich nicht mehr

Erinnert ihr euch noch an meinen Artikel zu Beginn der Lockdown-Phase, in dem ich darüber geredet habe, wie genervt wohl unsere Haustiere von der Gesamtsituation sein müssen? Genervt, gestresst, gestört – das ist die Haltung, die meine Katze zur Schau gestellt hat. Nach über zwei Monaten der Beobachtung komme ich jetzt zu einem anderem Schluss: Sie hat sich an diese neue Normalität gewöhnt. Die überproportional häufigen Streicheleinheiten, die fast dauerhafte Lärmbeschallung durch meine Musik, das ständige Unterbrechen ihrer Vormittagsschläfchen, wenn mein Bruder sie mal wieder (unsanft) weckt. Alles nicht mehr neu, alles bekannt. Man regt sich nicht mehr auf, Fauchen lohnt sich nicht mehr.

So fühle ich mich auch: Des Fauchens, Diskutierens und Streitens müde. Unsere Katzendame will mal wieder schnurren, ich will mal wieder sorglos aufatmen. Denn das ist es, was die meisten gerade tun.

Gestern, Samstag um die Mittagszeit, Isnyer Fußgängerzone – Es ist sonnig, fast schwül; unter den vielen RV und LI Auto-Kennzeichen entdeckt man auch einige fremde Nummernschilder, einige Urlauber sind in unserer Kleinstadt angekommen.
Man flaniert, man sitzt Seite an Seite im Café, man darf sich mal wieder etwas erlauben, etwas gönnen, schließlich haben wir hier ja kaum noch Infektionszahlen, schließlich hat der Sommer begonnen, schließlich will man ja auch mal wieder entspannen dürfen. Lachend kommen sich drei Jugendliche entgegen, Umarmungen und Begrüßungen werden ausgetauscht, dann sucht man nach dem letzten, unbesetzten Platz im Freien. Am Tisch einige ältere Damen, vor Ihnen die Eisbecher, es bleiben zwei Passanten stehen, man kennt sich, schließlich kennt man ja fast jeden.
Der Mundschutz liegt vergessen daheim am Küchentisch oder baumelt unterm Kinn – ach, es ist ja auch schon eine richtige Hitze, da stört dieses grässliche Ding entsetzlich.

Wenn wir uns vor ein paar Wochen noch auf einfache Hygiene- und Abstandsregeln und reduzierte Kontakte verlassen haben, scheint es mir jetzt so, als baue man auf das warme Wetter, auf ein och-das-ist-vorbei-Gefühl und auf eine Kleinstadtidylle, in der wir uns unverletzlich und geschützt fühlen. Es ist ein Vertrauen, das für mich nach „Es ist schon immer gut gegangen“ schmeckt. Es ist ein Vertrauen, das womöglich nach und nach vor die Verantwortung gestellt wird.

Der Umgang mit unserer Freiheit gestaltet sich schwierig

Ein aktueller Artikel, der vor zwei Tagen auf ZEIT online veröffentlicht wurde, schlägt einen ähnlichen Tonfall an. Wir lesen ihn am Küchentisch.
„Freiheit bedeutet auch Mündigkeit. Dort, wo es nun keine Verbote mehr gibt, müssen alle Köpfe mitdenken.“ [aus ‚Corona ist nicht weg, nur weil viele es ignorieren` von Jakob Simmank und Linda Fischer]

Das lässt einen schlucken. Und es wirft Fragen auf: Will ich selbst alle wiedererhaltenen Freiheiten bis aufs Äußerste ausreizen? Wo liegt das richtige Maß an Zurückhaltung und andererseits Losgelöstheit? Will ich nur stumm beobachten, das tun, was die meisten tun oder will ich etwas sagen und vielleicht auch Kritik üben?

Insbesondere die letzte Frage treibt mich um und hat letztlich dazu geführt, das ich den vorläufigen Entwurf dieses Artikels wieder verworfen habe. Statt Humor also mal wieder eine Erinnerung, böser formuliert: Ein erhobener Zeigefinger.
Dieser erhobene Corona-ist-nicht-weg-Zeigefinger ist mir häufig selbst unangenehm. Das sollte aber eigentlich so nicht sein. Denn, wenn Freiheit einerseits bedenkenloses Handeln ohne Schamgefühl bedeutet (sprich jetzt eine Gartenparty feiern, mit vielen Leuten Eiskaffee schlürfen…), muss diese Freiheit andererseits auch Nicht-Handeln ohne Schamgefühl bedeuten. Zurückhaltung oder Kritik an anderen Auslegungen dieser wiedergewonnen Freiheit sollten also Niemandem unangenehm sein.

Die richtige Devise finden

Eine letzte Frage, die bleibt: Wo versteckt sich in all diesen Diskussionen, diesen vielen, verschiedenen Ansichten die richtige Devise? Wo ist ein Verhaltensmuster, auf das man sich verlassen kann? Mit dem man es für sich und für Andere richtig macht?
Wir sind am Status Quo, an einem Punkt, der sich nach dem Erreichen einer Ebene anfühlt. In anderen Momenten wirkt diese Ebene jedoch mehr wie eine Gratwanderung zum Gipfel, wie eine Situation, in der man schnell wieder abrutschen könnte. Wir sind an einem Punkt, der sich so langsam nach „einer neuen Normalität“ anfühlt. Die Spielräume und Grenzen dieser Normalität aber sind noch unerforscht, was dahinter liegt können wir uns vage ausmalen, wenn wir an eskalierte Szenen, wie wir sie in Italien oder New York zu sehen bekamen, denken.

Es geht somit darum ein geeignetes Mittelmaß zu finden. Das kann bei jedem anders aussehen. Der Sommer 2020 muss also nicht Eisbecher-frei sein, aber vielleicht sieht man mal davon ab, sich die 5 Kugeln + ordentlich Soße an einem überlaufenen Samstagnachmittag schmecken zu lassen. Wenn meine Freundin, die jetzt ihr Abitur macht – sang- und klanglos und wenig feierlich – mit drei, vier Freunden feiert, ist das nichts, das kritisiert gehört. Wer jetzt allerdings zum großen Techno-Rave in der eigenen Garage lädt, könnte sich überlegen, dies vielleicht doch auf 2021 zu verschieben.

Wer glaubt, dass das Leben in einer 10.000 Seelen Stadt wie Isny gar keine Gefahren birgt, nur weil ein paar Störche so nett über die Dächer fliegen, der liegt damit falsch. Wer allerdings durch unsere Wiesen läuft, sich freut, das es hier ruhiger ist und den beginnenden Sommer genießt, der geht sicherlich kein unnötiges Risiko ein.

„Bei uns in Isny“ – ist es ruhig geblieben, sonnig, scheinbar risikoarm. Doch auch „bei uns in Isny“ muss man an die Verantwortung appellieren, an den hoffentlich andauernden Zusammenhalt, auf ein respektvolles Miteinander, in dem sich niemand unnötig gefährdet fühlen sollte.

One Comment

  • Renate Metzler sagt:

    es braucht meine Unterschrift nicht – ich unterschreib’s trotzdem – das mit der Verantwortung und dem Zusammenhalt und der Hoffnung auf ein respektvolles Miteinander.

    Und ich weiß jetzt schon, dass ich Ihren Blog vermissen werde … irgendwann aber hoffentlich nicht zu bald!

    LG

Hinterlasse einen Kommentar