Ich hätte einen Vorschlag für das Unwort des allseits beliebten Jahres 2020, der ein bisschen einfallsreicher ist als nur „Corona“: Systemrelevanz.

Systemrelevant? Nein? Dann ist wohl wer oder was auch immer verzichtbar, als überflüssig auserkoren in Krisenzeiten. Kunst, Kultur – das kann weg, ab damit in die Tonne, das rettet nicht dein Leben.
Vermutlich nicht, nein. Aber woher kommen dann die unzähligen Kultur-Livestreams, das vermehrte Lesen oder die vielen Online-Konzerte? Woher kommt das Lechzen nach kreativer Zerstreuung?

Ich selbst bin ebenfalls nicht ‚systemrelevant‘ und doch ein Teil des Systems, nur eine Stellschraube, ein einzelnes Blättchen am Baum, ein Sandkorn unter Vielen. Aber wenn sich die eine Schraube dreht, dreht sich dann nicht auch das Zahnrad daneben und spätestens mit dem kommt alles in Bewegung?

Anders gesagt: Systemrelevant – was heißt das schon?
Einerseits klingt dieses Wort für mich viel zu wichtig und abgrenzend gegenüber anderer Gesellschaftsgruppen. Andererseits generieren wir endlich mehr Anerkennung für die Berufsgruppen, die viel gesellschaftliche Verantwortung tragen; Ärzte, Pflegepersonal, Lehrer… Ebenso für solche Tätigkeiten, die schnell mal übersehen werden und doch enorm wichtig sind; von der Verkäuferin, über den Müllmann bis hin zum Reinigungspersonal – die Liste ist lang.
Und der Rest? Dieser Rest, der einen großen Teil unserer Gesellschaft ausmacht, ist der nun einfach pauschal ‚systemirrelevant‘?

In dem Zusammenhang geht mir ein Bild nicht mehr aus dem Kopf: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, wie er von Planet zu Planet reist, den Bewohnern Fragen stellt und so sehr subtil die Bedeutung dieser Menschen erklärt.
Ich stelle mir zum Beispiel vor, wie der kleine Prinz jetzt in dieser Krise zu einem Arzt kommt, der in einem Krankenhaus arbeitet und fragt: „Verzeihung, sind Sie systemrelevant?“
Der Arzt nickt dann gehetzt und erklärt dem kleinen Prinzen, dass er Menschenleben rettet und um die Genesung von Patienten kämpft. Anschließend eilt er zurück zur Intensivstation.

Der kleine Prinz reist weiter und klingelt bei einem Philosophen:
„Entschuldigung sind Sie eigentlich systemrelevant?“
Der Philosoph kratzt sich am Kinn und muss darüber erst nachdenken
„Systemrelevant ist, wer dem System hilft.“
Der kleine Prinz legt den Kopf schief.
„Und helfen Sie dem System?“
„Ich denke nach und hinterfrage. Was meinst du: Kann man im Sitzen helfen?“
Der Philosoph erwartet keine Antwort, der kleine Prinz geht. Draußen setzt er sich auf einen Stein und sagt zu sich selbst: „Wenn ich in einem Sessel sitzend Lösungen erkennen würde, könnte ich die Lösungen, denen sagen, die nicht im Sessel sitzen.“

Danach besucht der kleine Prinz einen Künstler.
„Hallo.“
Der Künstler sieht ein wenig irritiert von seinen Farbklecksen auf.
„Sind Sie systemrelevant?“
„Das ist nicht so leicht zu sagen, die meisten sagen mir ‚nein‘.“
Interessiert betrachtet der kleine Prinz die Farben auf der Leinwand.
„Für wen malst du denn? Nur für dich oder für andere?“
„Für andere. Ich will die Menschen bewegen.“
Der kleine Prinz schenkt ihm ein Lächeln.
„Wer sich bewegt, der bewegt auch das System.“

Okey, Tschüss, kleiner Prinz.
Wir nehmen zur Zeit nicht nur Berufsgruppen unter die Lupe und „sortieren“ sie sozusagen nach Priorität – auch bestimmte Handelsbereiche scheinen nun weniger relevant. Wer kauft schon jetzt ein Auto, lässt sich maskentragend beraten und macht hygienische Testfahrten? Wer beschäftigt sich jetzt mit neuer, stylisher Inneneinrichtung und kauft eine neue Couch? Es erscheint vorrangiger sich mit den nötigsten Lebensmitteln einzudecken (Lebensmittel! Nicht Klopapier.), als jetzt Möbel, Kleidung, Bücher zu kaufen.

Was ist denn für unser System wichtiger? Ein toller Eichenholzschrank oder doch der neue Roman-Bestseller? Hätte ich den Inhaber eines Möbelgeschäfts gefragt, wäre die Antwort sicher anders aufgefallen. In der Tat konnte ich aber Diemut Mayer, Buchhandlung Mayer, einige Fragen stellen.
„Bücher unterhalten, Bücher lenken ab, sie können auch trösten und im besten Fall findet man darin Antworten auf grundsätzliche Fragen.“
In den vergangenen Wochen der Ladenschließung durfte die Buchhandlung großen Rückhalt ihrer Kunden erfahren. Statt Ladenbesuch gab es nun Buchlieferungen an die eigene Haustür und das hatte „geradezu etwas Weihnachtliches an sich“.

Betrachtet man die Frage nach Systemrelevanz am Beispiel der Buchhandlung Mayer, ist auch nicht die praktische Seite zu vernachlässigen: Die Unterstützung der zu Hause bleibenden Eltern und Schülern, von sämtlichen Schulmaterialien bis hin zu Beschäftigungsinput für alle Kitakinder.

Die Diskussion darüber, was systemrelevant ist und demnach geöffnet bleibt, scheint zumindest Einige für die Stellung des Einzelhandels in dieser Krise sensibilisiert zu haben. Warum sollten wir den Roman an der Kasse am Supermarkt kaufen dürfen, nicht aber in der Buchhandlung? Warum die Spielwaren im Lebensmittelgeschäft, nicht aber im Fachgeschäft? Warum dürften weiter Zeitungswaren in der Buchhandlung verkauft werden, Bücher aber nicht?
Wer diese Lücken in den Maßnahmen erkennt und sie mit Solidarität füllt, ist mit Sicherheit auf dem richtigen Weg. So, dass am Ende zumindest unser Einzelhandel sagen kann: Ob systemrelevant oder nicht, man hat uns unterstützt.

Wir tendieren dazu jedes Teil mit einem Gegenteil zu versehen. Dick und dünn, schwarz und weiß, große Probleme und kleine Probleme… systemrelevant und systemirrelevant.
„Halt Stop!“, möchte man da schreien. Aufgepasst, hier kommen die mittelgroßen Probleme, hier kommt der Graubereich, hier kommen die vielen Facetten, die man zwischen ‚relevant für das System‘ und ‚dem System egal‘ definieren kann.
Alle Künstler und Kulturschaffenden sind demnach nicht am Nötigsten gebraucht in der Krise – einleuchtend, denn wer von denen weiß schon, wie man einen Menschen korrekt beatmet? – aber sie tragen einen Teil bei, können die Menschen motivieren und ablenken. Genau wie das obige Beispiel: Auch der Buchhandel wird nicht zwangsweise benötigt. Ebenfalls klar, denn wer dank dieser Krise finanzielle Verluste verzeichnet, dem kann man nicht ein Buch schenken und die Welt ist wieder in Butter. Trotzdem scheint das Buch, das online gestreamte Konzert oder der digitale Poetry Slam für unsere seelische Gesundheit gut zu sein. Ganz egal ob, das Prädikat ‚systemrelevant‘ noch nicht dafür vergeben wurde.

Mein Ersatz-Wort-Vorschlag: ‚systemfördernd‘. Klingt ein wenig sperrig, aber das ist ein Mittelding, so wie wenn ich sage: Mir geht’s weder richtig gut mit der Krise, noch geht es mir wirklich schlecht. Es ist ‚ok‘.

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